Wir „produzieren“ zu viele BWLer und Abiturienten – aber keinen interessiert’s!

Mit Beginn des Wintersemesters 2022/23 studieren 2.915.714 Männer und Frauen an deutschen Hochschulen. Eine halbe Millionen Studierende davon – also etwa ein Sechstel – sind in einem Studienfach der Wirtschaftswissenschaften (BWL, VWL, Wirtschaftsingenieur, Wirtschaftsinformatik) eingeschrieben – darunter allein 240 Tausend BWLer. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch, dass jeder vierte Bachelor-Studierende dieser Fächergruppe die Hochschule ohne Abschluss verlässt.  Warum ist das so?

Der Studienabbruch an den Universitäten liegt mit 30 Prozent sogar noch höher. An den Fachhochschulen ist die Abbrecherquote dieser Studiengänge in den letzten zwei Jahren immerhin von 16 auf 21 Prozent gestiegen. Mal sind die Anforderungen im Studium zu hoch, mal fehlt die Identifikation mit dem Studienfach, mal fehlt es an finanziellen Mitteln, um das Studium zu beenden. So das Ergebnis einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahre 2016.

Offensichtliche Gründe für hohe Abbrecherquote

Die besagte Studie hat die Gründe der hohen Abbrecherquote ermittelt. Sie ist der Frage nachgegangen, welche Studierenden besonders betroffen sind. Danach ist die Abbrecherquote neben den Leistungsproblemen auf mangelnde Motivation und den Wunsch nach mehr „praktischer Tätigkeit“ zurückzuführen. Studierende mit Migrationshintergrund und solche, die aus Nicht-Akademikerhaushalten kommen, brechen ihr Studium der Studie zufolge überdurchschnittlich häufig ab. Wohlgemerkt: Das sind die Zahlen vor Corona und vor drei Online-Semestern, die zahlreiche Studierende noch mehr frustriert haben.

Deutschland ist doppelt so schlau wie vor 20 Jahren

Und noch ein weiterer Aspekt: Während die Abiturientenquote in den Neunziger Jahren je nach Bundesland noch zwischen 20 und 30 Prozent lag, ist der Wert bundesweit auf durchschnittlich 50 Prozent angewachsen. Das heißt, die Hälfte eines Jahrgangs schließt mit der allgemeinen Hochschulreife ab. Demnach sind wir also in Deutschland doppelt so schlau wie noch vor zwanzig Jahren. Na ja.

Politik feiert hohe Abiturienten- und Akademikerquoten

Gleichzeitig begrüßen nicht nur die Kultusministerien der Länder die inflationäre Vergabe des Abiturs. Auch Bildungs- und Gewerkschaftsverbänden sowie Reformpädagogen feiern jede neue Studierende und jeden neuen Studierenden, jede neue Hochschule und jede neue Hochschule in dem Glauben, dass eine hohe Akademikerquote die Zukunft Deutschlands sichert. „Deutschland im Akademisierungswahn“ titelte nicht nur die Neue Zürcher Zeitung, sondern inzwischen auch die Kommunikationseinrichtungen diverser deutscher Bildungsorgane.

Neben eine hohe Abbrecherquote gesellt sich eine hohe Absagequote bei Bewerbungen

Die hohen Abbrecherquoten sind aber nur die halbe Wahrheit. Hinzu kommen noch die hohen Absagequoten bei Bewerbungen. Junge Akademiker – besonders in wirtschaftswissenschaftlichen Gebieten – müssen häufig zig Bewerbungen schreiben, um die Chance zu einem Vorstellungsgespräch zu bekommen. Und wenn unsere Jungakademiker schließlich einen Job gefunden haben, dann müssen sie in vielen Fällen Sachbearbeiteraufgaben übernehmen, für die früher ein ausgebildeter Industriekaufmann zuständig war. So stellt sich im Nachhinein leider allzu häufig heraus, dass der Job weder Eignung noch Neigung entsprach.  Die vielen tausend MBA-Studierenden, die berufsbegleitend, also nach Feierabend ihre Freizeit opfern, um sich „employable“ (beschäftigungsfähig) für eine neue Bewerbung zu machen, sind ein Beleg für die unzähligen unzufriedenen akademischen Berufsanfänger im betriebswirtschaftlichen Bereich.

Die Unis sind voll, der Handwerkermarkt leer

Es ist zwar politisch gewünscht, dass möglichst jeder das Abitur erreicht. Doch der Akademisierungswahn der deutschen Bildungspolitik geht zulasten der dualen Berufsausbildung und gefährdet damit Wohlstand und Fortschritt. Die Unis sind voll, der Handwerkermarkt trotz guter Bezahlung leer. Das duale berufsbildende System wird vor allem dadurch weiter ausgehöhlt, indem in einem vorher nicht gekannten Akademisierungswahn berufliche Ausbildungsgänge gleich massenhaft akademisiert wurden.

Bologna-Reform: Ausdifferenzierte Studiengänge ohne große Nachhaltigkeit

Und jetzt kommt die Bologna-Reform ins Spiel. Sie hat uns zwischenzeitlich mit mehr als 20.000 akkreditierten Bachelor- und Masterstudiengängen ein Studienangebot beschert hat, bei dem selbst Experten längst den Überblick verloren haben. Studiengänge mit niedrigen Eintrittsschranken wie Präventionsmanagement, Golf-Management, Civic Engagement, Food Management, Mode Management, Coffee-Management, Kreuzfahrt-Management, Scrum-Management, Service-Center-Management etc. sind das Ergebnis einer Ausdifferenzierung, die dazu geführt hat, dass sich eine vollständige Transformation weg von den handwerklichen, hin zu den akademischen Berufen vollzogen hat und das häufig ohne große Nachhaltigkeit. Wenn die Abbrecher dann während ihres Uni-Studiums feststellen, dass sie nicht weiter über Texten brüten, sondern lieber „eine praktische Tätigkeit“ ausüben wollen, dann spricht dies sicherlich eine deutliche Sprache über den fehlgeleiteten Bedarf technisch und gewerblich orientierter Lehrberufe.

Handwerksbetriebe suchen händeringend

Handwerksbetriebe und technisch ausgerichtete Klein- und Mittelunternehmen suchen händeringend nach praktisch ausgebildeten Nachwuchskräften – Groß- und Mittelunternehmen können sich dagegen der Bewerberflut in kaufmännischen Bereichen kaum erwehren. Es ist schon absurd, wenn sich diejenigen jungen Menschen mit der vermeintlich höheren Ausbildungsstufe auf dem Arbeitsmarkt hinten anstellen müssen, wo hingegen praktisch ausgebildete Fachkräfte mit Kusshand genommen werden.

Entzug von praktischen Berufen

Sicherlich muss man den „Akademikerwahn“ ein wenig relativieren, denn Hochschulabsolventen der so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) fehlen uns allenthalben. Aber die Bologna-Reform hat innerhalb weniger Jahre eine enorme Vielfalt an Bachelor- und Masterstudiengängen hervorgebracht. Da ein solches Angebot bedient werden will, legt es die Vermutung nahe, dass damit ein ernstzunehmender Teil der jungen Menschen den praktischen Berufen entzogen wird, nur um dem akademischen Trend zu folgen.

Hochschulabschluss sollte grundsätzlicher Bildungsnachweis sein

In Deutschland prägt das gewählte Uni-Fach in sehr starkem Maße den späteren Berufsweg. In anderen Ländern dagegen wird der Hochschulabschluss eher als grundsätzlicher Bildungsnachweis gesehen, so dass man für viele Jobs qualifiziert ist – auch für Jobs, für die man in Deutschland abgelehnt werden würde, da man ja das „Falsche“ studiert hat. Dieses Phänomen hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Studiengänge noch viel weiter (unnötig) ausdifferenziert wurden, in der Hoffnung, dass man dann für einen bestimmten Job auch genau das richtige studiert hat. So ist das Studium am Ende doch wieder eine Berufsausbildung und keine „allgemeine Menschenbildung durch Wissenschaft“.

Fazit: „Investitionen in Bildung und Ausbildung“ hat jede unserer demokratischen Parteien vor der anstehenden Bundestagswahl zu ihrem Credo ausgerufen. Bildung und Ausbildung ja – aber bitte in die richtige Richtung. Sicherlich kann man den Anbietern dieser kaum mehr zu überschauenden Derivate an BWL-Studiengängen keinen Vorwurf machen, so lange die entsprechende Nachfrage vorhanden ist. Vielleicht ist es aber an der Zeit, die Beliebigkeit und Ubiquität des BWL-Studiums in Zusammenhang mit den schlechten Berufschancen viel deutlicher zu kommunizieren. Vielleicht müssen wir aber auch schon viel früher ansetzen und uns fragen, ob wir nicht bereits zu viele Abiturienten „produzieren“. Die Erwartungshaltung der Eltern und die (häufig trügerische) Hoffnung, mit einem Uni-Abschluss mehr zu verdienen als in einem praktischen Beruf, spielen hier eine nicht unerhebliche Rolle.

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