Warum das duale Studium für viele Abiturienten der Königsweg ist

Über Praktikumsgehälter, die in einigen Branchen überhaupt nicht gezahlt werden, und über die Renaissance der Lehre habe ich in früheren Blogbeiträgen bereits berichtet. Beide Beiträge haben mich dazu angeregt, nach dem besten Ausbildungsweg für viele „orientierungslose“ BWL-Abiturienten zu suchen. Aus meiner Sicht ist es das duale Studium, das für viele Abiturienten, die in die Wirtschaft wollen, fast nur Vorteile hat. Unschlagbare Argumente sind dabei die Aspekte der Praxisorientierung, der Selbstreflektion und der Studienfinanzierung.

Beginnen wir mit der Praxisorientierung:

Das Wesen eines dualen Studiums ist die Verknüpfung von praktischer Arbeit in einem Unternehmen mit wissenschaftlichen Lehrveranstaltungen an der Hochschule. Die theoretischen Phasen in der Hochschule wechseln sich dabei in einem regelmäßigen Rhythmus mit den praktischen Phasen im Unternehmen ab.  Aktuell sind etwa 122.000 der insgesamt knapp drei Millionen Studierenden (also nur etwa vier Prozent) in einem der rund 2.000 dualen Studiengängen an deutschen Hochschulen eingeschrieben (siehe einige Beispiele für wirtschaftsaffine in der Abbildung). Am dualen System sind derzeit insgesamt 251 Hochschulen und Berufsakademien sowie 3.033 Unternehmen beteiligt. Der größte Anteil an dualen Studierenden entfällt auf das Gesundheitswesen (9,6 %) gefolgt von den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften (7,8 %) und den Ingenieurwissenschaften (4,8 %). 

Kommen wir zur Selbstreflexion:

Am Ende des dualen Studiums erwirbt der Studierende den international anerkannten Bachelorabschluss. Zu diesem Zeitpunkt hat er oder sie aber nicht nur den Studienabschluss in der Tasche, sondern auch schon jede Menge praktische Arbeitserfahrung gesammelt, die von Arbeitgebern besonders geschätzt wird. Absolventen eines dualen Studiums profitieren in der Regel davon, dass sie von Beginn an Kontakt zum Arbeitgeber haben und früh finanziell unabhängig sind. So liegt die Abbrecherquote im dualen Studium sehr niedrig: Nur sieben Prozent brechen ab. Demgegenüber sind es 28 Prozent – also das Vierfache – im Bachelorstudium insgesamt. Und selbst wenn der Studierende während der theoretischen oder der praktischen Phasen erkennt, dass der gewählte Studiengang oder das Studium insgesamt weder der eigenen Neigung noch der Eignung entspricht, so ist dies keine verlorene Zeit gewesen. Man hat nicht einmal einen finanziellen Verlust erlitten, denn das duale Studium wir durch das Unternehmen recht ordentlich vergütet. Und noch einen unschätzbaren Vorteil haben duale Studierende: Sie bauen sich Netzwerke jenseits der Universität auf und lernen, in diesen adäquat zu agieren. Das erzeugt Chancen im Unternehmen, in dem das duale Studium absolviert wird, aber auch bei Kunden, Lieferanten, Spin offs oder Partnern (aus) dem Unternehmen.

Damit sind wir bei der Studienfinanzierung:

Unternehmen, die einen dualen Arbeitsplatz anbieten, haben längst erkannt, welche Vorteile es ihnen bringt, duale Studierende auszubilden. Deswegen bieten sie meist nicht nur ein gutes Gehalt an, sondern auch verschiedene Zusatzleistungen wie zum Beispiel die Übernahme der Studiengebühren. Die Spannbreite des Gehalts im dualen Studium reicht von monatlich 700 Euro bis 1.800 Euro brutto im dritten Ausbildungsjahr. Doch es sind lediglich sechs Prozent aller Studierenden, die das duale Studium als Finanzquelle für ihr Studium nutzen. 60 Prozent aller Studierenden finanzieren ihr Studium mit dem Geld ihrer Eltern.

Studiengänge (Beispiele) im Bereich der Wirtschaftswissenschaften

Bei all diesen Vorteilen und Vorzügen des dualen Studiums muss man sich natürlich fragen, warum dieses Erfolgsmodell nur zu einem geringen Prozentsatz aller Studierenden genutzt wird.

Ich vermute drei Gründe: Mangelnde Bekanntheit, Problematik der Zeitmodelle, unterschiedliche Förderung in den einzelnen Bundesländern.

Mangelnde Bekanntheit in der Zielgruppe. Obwohl sich die Anzahl der Teilnehmer an einem dualen Studium in den letzten 15 Jahren vervierfacht hat, bleibt diese Art der Vorbereitung auf das Berufsleben mit einem Anteil von vier Prozent an allen Studierenden nur eine Nische. Mit anderen Worten, bei den vielen jungen Menschen, die vor der Frage stehen, ob sie ein Studium oder die praktische Ausbildung präferieren, ist die sinnvolle Antwort „beides“ offensichtlich immer noch zu wenig bekannt.

Problematik unterschiedlicher Zeitmodelle. Da es unterschiedliche Zeitmodelle für das duale Studium gibt, kommt es hierbei sehr auf die Kooperationsfähigkeit zwischen Hochschule und Unternehmen an. Das häufigste Zeitmodell ist das Blockmodell, bei dem die Zeiten, in denen man abwechselnd im Unternehmen und an der Hochschule verbringt, in längere Blöcke eingeteilt. Dabei gibt es verschiedene Varianten: Zum einen ist es die Teilnahme am ganz normalen Studienbetrieb und in den Semesterferien liegen dann die Praxisphasen. Das andere Zeitmodell basiert auf Blöcken von je drei Monaten bzw. 12 Wochen. Es ist unabhängig von den Semesterzeiten. Mit diesem System, das übrigens von den meisten Anbietern genutzt wird, tun sich die (klassischen) Universitäten naturgemäß sehr schwer. Hier zeigt sich die hohe Flexibilität besonders der Privathochschulen.

Unterschiede in den Ländern. Völlig unverständlicherweise bestehen große Unterschiede zwischen den Bundesländern beim dualen Studium. Am beliebtesten ist das duale Studium im Saarland. Hier sind 30 Prozent (!) aller Studienanfänger in einem dualen Studiengang unterwegs. Gefolgt wird das Saarland von Baden-Württemberg, in dem knapp 15 Prozent aller Studienanfänger ein duales Studium aufgenommen haben, und von Berlin mit 7 Prozent. Schlusslichter sind Bremen (0,7 %), Sachsen-Anhalt (1,0 %) und Mecklenburg-Vorpommern (1,8 %). Übrigens kann man Baden-Württemberg als Mutterland des dualen Studiums bezeichnen, denn mit der Einführung der ersten Berufsakademien in Stuttgart und Mannheim 1974 wurde im „Ländle“ schon sehr früh auf eine praxisnahe Hochschulausbildung gesetzt (Stichwort: „Stuttgarter Modell“).

Studium oder Praxis? Wenn die vielen, zumeist orientierungslosen Abiturienten vor dieser Frage stehen, dann gibt es nur eine Antwort: beides – mit dem dualen Studium!

Quellen:

https://www.wegweiser-duales-studium.de/

https://www.che.de/2022/duales-studium-in-deutschland

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